Texte und Ansichten
Textbeiträge zum Projekt "Kollektiver Kreativismus", Galerie KUB, 2011
Titelseite
Etwa zwischen den Monaten September 1989 und März 1990 erlebte die Menschheit mitten in Europa eine Massenperformance, welche die Geschichte der Welt grundlegend und nachhaltig verändern sollte. Ort des Geschehens war Deutschland, ein Land, das in der jüngeren Vergangenheit bereits mehrfach gezeigt hatte, dass es zu spektakulären Inszenierungen imstande war. Die letzte und barbarischste lag erst 45 Jahre zurück und war der Welt noch in sehr schlechter Erinnerung. Doch diesmal war es anders. Die Dramaturgie wurde nicht von allmächtigen Regisseuren bestimmt, sondern gerade diejenigen, die stets die Rolle der Statisten zugeteilt bekommen hatten, ignorierten die Regieanweisungen, setzten die Intendanten vor die Tür und begannen, die maroden Kulissen einer ganzen Epoche, die als die Zeit des Kalten Krieges in die Geschichte einging, abzureißen.
Nein, die Geschichte machenden Umwälzungen in der DDR und der Zusammenbruch der pseudosozialistischen Diktaturen in Osteuropa waren kein Kunstprojekt. Sie waren die Folge einer menschenverachtenden Herrschaft totalitärer Regierungen, die ihre Legitimation nicht durch freie Wahlen sondern über Iseologien, hin und wieder mit Zuckerbrot, vor allem aber durch die Peitsche zu sichern trachteten. Ökonomisch und moralisch am Ende sorgten sie selbst für die "revolutionäre Situation", die nach ihrem Vordenker Lenin immer dann eintritt, wenn, kurz gesagt, die Herrschenden nicht mehr können und die Beherrschten nicht mehr wollen. Vierzig Jahre lang hatte der Eiserne Vorhang Ost und West getrennt, nirgends sichtbarer als in Deutschland. Mit der "friedlichen Revolution" in der DDR wurde 1989 auf den Trümmern der Berliner Mauer der Grundstein für eine neue Weltordnung gelegt. Wir wissen es; die Entwicklung seither gibt wenig Anlass für Begeisterung über die Lernfähigkeit der Menschheit. Aber 1989/90 keimte immerhin Hoffnung.
Kunst und Kultur spielten in dieser Phase, wenn überhaupt, nur eine untergeordnete Rolle. Versuche, die sich überstürzenden Ereignisse künstlerisch zu verarbeiten, fanden kaum statt. Zu spannend und zu aufreibend waren die Möglichkeiten, welche die ungewohnten Freiheiten plötzlich boten. Ein ganzes Land musste in jeder Hinsicht neu organisiert werden! Wertesysteme standen auf dem Prüfstand! Die Welt musste entdeckt werden! Nichts war wie zuvor. Dennoch - für Künstlerinnen und Künstler in Ostdeutschland bot die Zeit der fröhlichen Anarchie ungeahnte Möglichkeiten, mit ihren KollegInnen im Westen Kontakt aufzunehmen - und umgekehrt. Als sich die politischen Wogen ein wenig zu glätten begannen, kam es doch bald zu künstlerischen Begegnungen und gemeinsamen Aktivitäten. Trotz der unterschiedlichen Sozialisierung fanden die Kulturschaffenden aus Ost und West recht schnell eine gemeinsame Ebene und freuten sich über die neuen Möglichkeiten.
In dieser Phase, im Sommer 1990, fand das erste deutsch-deutsche Künstlersymposium in Leipzig statt. Der Titel war programmatisch: "dazwischen". Im Anschluss gründete sich der Kunstverein "Mobiles Büro für Erdangelegenheiten", der mit seinen Verbindungen zu KünstlerInnen vor allem aus Köln über Jahre die Leipziger Kunstszene bereichert hat - u.a. mit Aktionskunst und Performances. Kunstformen, die lange Zeit in hiesigen Breiten eher selten anzutreffen waren.
Dass es sie dennoch gegeben hat und welche Parallelen und Unterschiede vor, in und nach den so genannten Wendejahren in Ost und West zu beobachten waren, will die Galerie KUB in einem Langzeitprojekt dokumentieren. Diese Ausstellung bildet den Startschuss.
Zeitzeugen, Künstler und Performer
In seiner dokumentarischen Videoarbeit lässt Jens Pfuhler in Zusammenarbeit mit Jens Mattner die Protagonisten, BeobachterInnen und Zaungäste zu Wort kommen. Schwerpunkt liegt zunächst auf den aktionskünstlerischen Aktivitäten in den letzten Jahren der DDR, mit besonderem Augenmerk auf Leipzig. In der Wendezeit und danach kam es schließlich immer häufiger zu gemeinsamen Projekten ost- und westdeutscher KünstlerInnen. Ein reger Austausch begann und dauert bis heute an.
Wa in dieser Ausstellung als erste Bestandsaufnahme präsentiert wird, findet in den folgenden Monaten seine Fortsetzung und soll nach Fertigstellung ein möglichst vielschichtiges Stimmungsbild vermitteln.
Die letzten Jahre der DDR waren geprägt von Agonie und Verfall. Während Gorbatschows Politik von Glasnost und Perestroika den Parteislogan "Von der Sowjetunion lernen heißt siegen lernen" in einem völlig neuen Licht erscheinen ließ, zementierte das DDR-Regime seine Reformunwilligkeit. Kurt Hager hielt seine berühmte "Tapeten-Rede", die sowjetische Zeitschrift "Sputnik" wurde verboten und der Massenmord auf dem Platz des Himmlichen Friedens in Peking wurde als notwendige und berechtigte Aktion zur Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung gerechtfertigt. Dies und vieles mehr machte die ohnehin systemimmanente Entfremdung der Herrschenden von "ihrem" Volk immer offensichtlicher. Es gärte längst nicht nur an den Rändern der Gesellschaft. Der Unmut über die regierenden alten Männer reichte von der Drehbank bis in kritische Parteikreise. In der Kulturszene war die Ablehnung der Betonpolitik des SED-Politbüros allgemeiner Konsens. Allenthalben regte sich Widerstand.
Wer konnte, verließ Ostdeutschland in Richtung Westen. Die Zahl der Ausreisewilligen stieg kontinuierlich, gut sichtbar an den immer häufiger an Autoantennen flatternden weißen Bändchen. Doch nicht alle wollten diesen Weg gehen. Die Hoffnungen, die sich an der Reformpolitik des unerwartet sympathischen und für damalige Verhältnisse erstaunlich liberalen KPdSU-Chefs festmachten, hielten viele noch im Lande und machten Mut, das System mit kleinen Schritten zu unterminieren. Nicht nur die Kirchen, auch kulturelle Einrichtungen öffneten ihre Türen der sich langsam formierenden Opposition. Der eigentlich parteinahe Kulturbund mutierte zunehmend zu einer Brutstätte der Verweigerung. Während frustrierte GenossInnen sich noch auf dem langen Marsch durch die Institutionen verschlissen und ältere Kulturschaffende den schmalen Grat zwischen Opportunismus und vorsichtigem Abweichlertum beschritten, bedachte die nachwachsende Generation das System mit oftmals beinahe kaltblütiger Ignoranz. Die Arbeitspflicht wurde mit Scheinanstellungen und Halbtagsjobs umgangen; Wohnungen und Häuser zu besetzen wurde zur Selbstverständlichkeit. Subkulturelle Projekte, zahlreiche Bands, kritische Theatergruppen, selbst diverse Underground-Publikationen entstanden. Eine Entwicklung, die trotz der gegen Ende der 80er Jahre noch einmal zunehmenden Repression durch den Staat nicht mehr aufzuhalten war. Vieles erscheint aus heutiger Sicht unspektakulär, fast banal. Doch in einer Zeit, in der eine unorthodoxe Frisur, ein falscher Nebensatz am falschen Ort, eine bei einer sinnlosen Straßenkontrolle durch die Polizei das Ende des Studiums, Berufsverbot, schikanöse Vorladungen und Verhöre bedeuten konnten, war alles, was man tat oder nicht tat, bedeutsam und politisch. Es war leicht, ein Staatsfeind zu werden, und wenn man sich mit dieser zugewiesenen Rolle erst einmal identifiziert hatte, konnte es sogar Spaß machen. Auf jeden Fall wurde man immer ernst genommen.
Die Zeitzeugen-Videos von Jens Pfuhler behandeln nicht explizit die hier beschriebene gesellschaftliche Umbruchsituation. Aber das Wissen um die Umstände, unter denen KünstlerInnen in dieser Zeit gelebt haben, trägt sicher wesentlich zum Verständnis ihrer Arbeiten - gerade der performativen und aktionskünstlerischen - bei.
Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks und dem Ende des Kalten Krieges war oft in den Feuilletons von der Befreiung der Kunst von ideologischen und politischen Korsetts die Rede. Jetzt könne die Kunst endlich wieder Kunst sein, für sich selbst stehen, als reiner Ausdruck individueller Anschauungen. Diese These galt auch und gerade für jene Kunst, die sich dem System verweigerte. Die Frage, ob dies tatsächlich begrüßenswert bzw. überhaupt wahr ist, steht nach wie vor unbeantwortet im Raum. Überhaupt - war Beuys, der schließlich tun und lassen konnte, was er wollte, ein unpolitischer Künstler? War Fluxus nicht mehr als ein Sturm im Wasserglas des westlichen Kunstbetriebs? Oder, schaut man weiter zurück, war Dada doch nur Ausdruck spätbürgerlicher Dekadenz?
Schon jetzt, nach den ersten zwanzig Zeitzeugen-Berichten, wird deutlich, welche Relevanz Kunst haben kann, wenn sie sich bewusst an den bestehenden sozialen Verhältnissen reibt. Dazu bedarf es nicht zwingend einer Diktatur. Sicher, die Möglichkeiten, sich artifiziell auszudrücken, sorgten im geschlossenen System der DDR für eine unverzichtbare Gegenöffentlichkeit. zudem gab es noch nicht hunderte verfügbare Fernsehsender, ganz zu schweigen vom Internet. Heute, zwei Jahrzehnte später, drohen selbst spektakulärere Aktionen in der Flut der Informationen zu verschwinden, von der schillernden, sich ständig verändernden Welttapete absorbiert zu werden. Vielleicht ist es ja wieder an der Zeit zu tapezieren, was meinen Sie, Genosse Hager?
Aktuelles & Zukünftiges
In Vorbereitung:1st NSK FOLK ART BIENNALE LEIPZIG 2013
NSK Lipsk präsentiert:
AUTOPSIA (Prag)
"FACTORY RITUALS"
Bornaische Str. 31, 04277 Leipzig
Eröffnung am 24.5.2012
Leipziger Kunstverein: Tombola 2011
Sonntag, 4. Dezember 2011
28. Oktober 2011, Buchpräsentation in der Galerie KUB, Leipzig
Dr. Alexei Monroe, "State Of Emergence - The 1st NSK Citizens' Congress"
Die Dokumentation des ersten Bürgerkongresses des NSK-Staates in Berlin
Veranstaltet von NSK Lipsk, nähere Informationen siehe "Staatsbürgerkunde".
NSK Sektion Leipzig in den Räumen der alten EIGEN+ART
8.-10.7.11
Bornaische Str. 31
04277 Leipzig
Connewitzer Kunstfestival
14. Mai 2011
Stöckartstraße
04277 Leipzig
